Neuer Ansatz gegen Myasthenia gravis: Genetisch modifizierte Immunzellen als gezielte Therapie

28.08.2026

CAAR-T-Zellen (engl. Chimeric AutoAntibody Receptor T Cells) stellen einen vielversprechenden neuen Behandlungsansatz für neurologische Autoimmunerkrankungen wie Myasthenia gravis dar. Die T-Zellen als ein wesentlicher Bestandteil des Immunsystems werden dabei genetisch so verändert, dass sie autoreaktive B-Zellen, die für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung verantwortlich sind, gezielt erkennen und zerstören können. Ein Team von Forschenden der Charité — Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) arbeitet an einer entsprechenden CAAR-T-Zelltherapie, die im Rahmen der SPARK-BIH GCT-Projektförderung unterstützt wird. Die zugrundeliegende Studie ist nun in Nature Communications erschienen. Wir haben mit Erstautor Dr. Niels von Wardenburg, Arzt an der Klinik für Neurologie und Experimentelle Neurologie der Charité sowie Fellow im BIH Charité Clinician Scientist Program, zu den Forschungsergebnissen gesprochen.

Welche Fragestellung wollten Sie beantworten, was hat Sie besonders interessiert?

Uns hat vor allem die Frage interessiert, ob wir das Prinzip der CAAR-T-Zelltherapie auf die Acetylcholinrezeptor (AChR)-positive Myasthenia gravis (MG) übertragen können. Bei dieser seltenen Autoimmunerkrankung richten sich krankmachende Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor, das ist die zentrale Andockstelle auf der Zellmembran an der neuromuskulären Synapse, über die Signale im Nervensystem weitergeleitet werden. Dadurch kommt es zu Störungen der Nervenübertragung bzw. Nervenstruktur was Symptome wie Sehstörungen, Muskelschwäche bis hin zur Atemlähmung verursachen kann. Die bisherigen Therapien greifen häufig breit in das schützende Immunsystem ein wodurch Patient*innen anfälliger für Infektionen werden. Sie müssen in der Regel lebenslang gegeben werden und führen meistens nur zu einer eingeschränkten Krankheitskontrolle. Wir wollten deshalb einen möglichst präzisen Ansatz entwickeln, der nicht das gesamte Immunsystem oder alle B-Zellen angreift, sondern gezielt und sehr effizient diejenigen B-Zellen erkennt und eliminiert, die krankheitsrelevante Autoantikörper gegen den AChR produzieren.

Welche spezifischen Herausforderungen gab es bei der Entwicklung Ihres Ansatzes?

Eine zentrale Herausforderung war, den AChR so in die T-Zellen einzubauen, dass er von den krankmachenden Antikörpern weiterhin erkannt werden kann und gleichzeitig stabil auf der Oberfläche der T-Zellen bleibt. Der AChR ist ein komplexer, aus mehreren Untereinheiten bestehender Rezeptor, und die krankheitsrelevanten Autoantikörper erkennen unterschiedliche Bereiche dieses Proteins. Deshalb war es wichtig, einen Ansatz zu entwickeln, der möglichst viele dieser krankheitsrelevanten Autoantikörper abdecken kann.

Eine weitere Herausforderung bestand darin, die Aktivierung der T-Zellen ausreichend spezifisch zu machen: Sie sollen auf autoreaktive B-Zellen reagieren, nicht aber auf gesunde Zellen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich AChR-CAAR-T-Zellen gezielt aktivieren lassen und krankheitsrelevante B-Zellen effizient eliminieren können.

Was hat Sie überrascht und ggf. warum? Was war neu?

Besonders interessant war für uns, dass wir verschiedene krankmachende Antikörper gleichzeitig gezielt erkennen konnten. Dafür kombinierten wir unterschiedliche Varianten des CAAR-Rezeptors, die verschiedene Bestandteile des AChR (α1 und β1) beinhalten. So konnten wir ein breiteres Spektrum der Antikörper erfassen, die bei der Erkrankung eine wichtige Rolle spielen.

Neu ist damit insbesondere der Gedanke, nicht einfach möglichst viele B-Zellen zu eliminieren, sondern die T-Zellen anhand des krankheitsverursachenden Autoantikörpers selbst zu programmieren. Die CAAR-T-Zellen nutzen gewissermaßen das Ziel der Autoimmunreaktion als „Köder“: B-Zellen mit passenden B-Zell-Rezeptoren werden erkannt und anschließend von den T-Zellen eliminiert. In unseren präklinischen Modellen führte dies zu einer Reduktion der entsprechenden Autoantikörper - sowohl im Blut als auch an der neuromuskulären Synapse.

Welche Bedeutung könnte der Erfolg künftig für Patient*innen haben?

Sollte sich dieser Ansatz in klinischen Studien als sicher und wirksam erweisen, könnte er langfristig eine neue Form der Behandlung für Patient*innen mit AChR-positiver Myasthenia gravis ermöglichen. Die besondere Hoffnung liegt darin, die Ursache der Autoimmunreaktion gezielter zu behandeln, anstatt das Immunsystem insgesamt zu unterdrücken.

Das könnte perspektivisch bedeuten, dass krankheitsverursachende B-Zellen langfristig entfernt werden und sich dadurch auch die krankheitsrelevanten Autoantikörper zurückbilden. Im besten Fall könnte daraus eine länger anhaltende Krankheitskontrolle oder sogar ein beschwerdefreier Zustand ohne laufende Therapie entstehen. Das ist derzeit jedoch noch eine wissenschaftliche Perspektive und muss in klinischen Studien beim Menschen erst gezeigt werden.

Wo sehen Sie die translationale Brücke zwischen Forschung und Anwendung?

Die translationale Brücke liegt für uns darin, dass wir ein Konzept, das zunächst auf molekularer und zellulärer Ebene entwickelt wurde, in präklinischen Modellen funktionell überprüfen konnten. Wir konnten zeigen, dass die entwickelten T-Zellen krankheitsrelevante B-Zellen erkennen und eliminieren und dass sich dadurch die Konzentration der entsprechenden Autoantikörper reduzieren lässt.

Aktuell arbeiten wir daran, diese Erkenntnisse in Richtung klinische Entwicklung zu überführen. Ein wichtiger nächster Schritt ist dabei die Herstellung der AChR-CAAR-T-Zellen unter den Qualitätskriterien der Good Manufacturing Practice (GMP), um die Voraussetzungen für eine spätere klinische Prüfung zu schaffen. Die hierfür erforderlichen Mittel stehen uns durch die SPARK-BIH Projektförderung im Rahmen der nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien zur Verfügung. Damit können wir nun gezielt die notwendigen Schritte auf dem Weg von der präklinischen Entwicklung hin zur klinischen Anwendung vorbereiten. Wenn diese Entwicklung erfolgreich verläuft, könnte die CAAR-T-Technologie ein Beispiel dafür sein, wie sich Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in eine hochspezifische Immuntherapie für Autoimmunerkrankungen übersetzen lassen.

Original Publikation: Bispecific chimeric autoantibody receptor T cells eliminate acetylcholine receptor-specific B cells in myasthenia gravis models

Quelle: Berlin Institute of Health in der Charité (BIH)

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