Parkinsontherapie: „Für mich war die Operation der Gamechanger“

15.04.2026

Parkinson gilt als eine Erkrankung des Alters. Doch das ist nicht immer so. Ilias Triantafyllakis ist 25 Jahre alt, als ihn die Diagnose trifft. Die Symptome verschlimmern sich schnell, eine medikamentöse Therapie versagt, eine weitere verursacht starke Nebenwirkungen. Zehn Jahre später wird der junge Mann an der Charité – Universitätsmedizin Berlin operiert. Feine Elektroden senden von nun an Impulse an bestimmte Zentren seines Gehirns. Die Tiefe Hirnstimulation verbessert das Leben des Familienvaters schlagartig. Er kann sich flüssig bewegen, besser schlafen, wieder klar denken. Nun soll die Stimulation „lernen“, sich an unterschiedliche Situationen im Tagesverlauf anzupassen.

„Wie geht es Ihnen? Sind Sie gut bei uns angekommen?“, fragt Prof. Andrea Kühn und schüttelt Dr. Ilias Triantafyllakis in einem hell erleuchteten Untersuchungsraum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie die Hand. „Ich habe gut geschlafen, sogar besser als zu Hause.“ Er lacht. Die Kinder, zwei und vier Jahre, hätten ihn heute während der Klinikübernachtung nicht wecken können. Dass Ilias Triantafyllakis überhaupt wieder ganze Nächte durchschlafen kann, verdankt er einem neurochirurgischen Eingriff an der Charité vor etwas mehr als einem Jahr.

Zwei dünne Drähte, fein wie eine Nadel, führen seither in das Innere seines Gehirns. An ihren Enden: winzige Sonden, die Hirnsignale auslesen können und regelmäßig leichte elektrische Impulse an eine bestimmte Region des Zwischenhirns senden, den subthalamischen Kern, unter anderem zuständig für das Weiterleiten von Bewegungsimpulsen.

„Die Operation war für mich der Gamechanger“, sagt Ilias Triantafyllakis. „Ganz einfache Dinge funktionieren wieder, und sei es, dass ich drei Bücher am Stück mit den Kindern lesen kann.“ Er ist in die Klinik gekommen, um nun einen weiteren Schritt zu gehen. Sein Stimulator, ein streichholzschachtelkleines Kästchen unter dem rechten Schlüsselbein, verbunden mit den Elektroden im Gehirn, soll in den sogenannten adaptiven Modus geschaltet werden. Das heißt, die bisher konstanten, hochfrequenten Impulse, die er selbst im Kopf gar nicht spüren kann, werden sich danach situativ an den jeweiligen Bedarf angleichen: verstärken etwa bei Stress oder wenn die Medikamente nicht ausreichen, absenken bei guter Beweglichkeit und in Ruhehasen.

„Unsere Patientinnen und Patienten profitieren zunächst von der Tiefen Hirnstimulation selbst“, erklärt Andrea Kühn, die die Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation wie auch den Sonderforschungsbereich ReTune an der Charité leitet und NeuroCure Principal Investigator ist. „Bei Parkinson-Patient:innen können wir die Symptome in der Regel um etwa die Hälfte reduzieren, gleichzeitig lässt sich die Medikamentendosis halbieren, den Betroffenen geht es also insgesamt deutlich besser.“ Mit ihrem Team und Partnern weltweit bringt die Neurowissenschaftlerin die Technologie beständig voran. Sie ist Vorreiterin darin, den Rhythmus der Nervenzellentladungen in den beteiligten Hirnschaltkreisen zu charakterisieren, das Zusammenspiel von Elektrodenplatzierung, Impulsstärke und Medikation zu perfektionieren – für das Parkinson-Syndrom, aber auch andere neurologische Bewegungsstörungen wie Dystonien, Tremor oder Tics. Aktuell möchte sie herausfinden, ob eine Personalisierung der Therapie in Form der adaptiven Tiefen Hirnstimulation die Effekte zusätzlich verbessern kann und wann diese sinnvoll ist.

Rückblick: Die ersten Symptome und eine lange Suche

„Es war der 7. Januar 2015.“ Ein Schicksalstag. Ohne Zögern nennt Ilias Triantafyllakis das Datum. „Der Tag meines Staatsexamens, direkt vor der Prüfung.“ Der Jurastudent bekommt von seinem Arzt die Diagnose Parkinson überbracht. Ein Schock. „Ich war verdammt jung, hatte gerade mit der Promotion begonnen.“ Wenige Tage zuvor, über Weihnachten bei der Familie in Athen, hatte es begonnen. Das linke Bein wurde steif und unbeweglich, ließ sich nur noch nachziehen. Schon bald fällt es ihm schwer, die linke und rechte Körperseite zu koordinieren. „Ich war in allem total langsam.“ Akinetisch-rigide heißt diese Form des Parkinson-Syndroms, steife Muskeln und verlangsamte Bewegungen kennzeichnen sie.

Heilen lässt sich die Parkinson-Erkrankung bis heute nicht. Zellen im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin produzieren, sterben unwiederbringlich ab, unter anderem für Bewegungen zuständige Hirnschaltkreise werden unterbrochen. Ein Prozess, der sich nicht aufhalten lässt. Die Symptome der Krankheit lassen sich aber lindern. Bei Ilias Triantafyllakis allerdings scheitert der erste Behandlungsversuch mit einem Medikament, das das fehlende Dopamin – gemeinhin als Glückshormon bekannt – im Gehirn ersetzen soll. Stattdessen tritt eine gefürchtete Nebenwirkung ein. Der angehende Jurist wird spielsüchtig. In immer kürzeren Abständen verlangt sein Gehirn nach einem Belohnungskick, mal ist es Aktienspekulation, mal Sportwette.

Am Ende der eigenen Kräfte und finanziellen Mittel angelangt, soll eine Umstellung der Medikamente Abhilfe schaffen. Doch auch das nächste Präparat, eine Vorstufe des Hirnbotenstoffs Dopamin, zeigt schwerwiegende Nebenwirkungen. Es lindert die Beschwerden nicht kontinuierlich, sogenannte On- und Off-Phasen wechseln sich ab, unwillkürliche Bewegungen kommen hinzu. „Meine Muskeln waren entweder steif oder ich war überbeweglich“, erinnert sich Triantafyllakis, der inzwischen im Bankwesen tätig ist. Als das zweite Kind hinzukommt, wird die Belastung zu hoch. „Ich hatte einen Vollzeitjob, an manchen Tagen konnte ich kaum aufrecht am Schreibtisch sitzen.“ Der behandelnde Neurologe bringt die Tiefe Hirnstimulation ins Spiel und überweist den jungen Mann an die Charité.

Ein neues Leben mit Hirnstimulation

„Ich hatte keine Angst“, sagt Ilias Triantafyllakis. „Ich habe Vertrauen in die Wissenschaft.“ Wieder ist es der 7. Januar. Diesmal 2025, auf den Tag genau zehn Jahre nach der Diagnose Parkinson. In einem mehrstündigen Eingriff platzieren erfahrene Neurochirurgen der Charité die beiden Sonden exakt in ihrem Zielgebiet, dem sogenannten Nucleus subthalamicus, eine Region im Inneren des Gehirns, gerade so groß wie der kleine Fingernagel. Nach wenigen Tagen der zweite Eingriff: Stimulator und verbindende Kabel werden unter der Haut verlegt, ähnlich, wie es bei einem Herzschrittmacher geschieht. Ein Studienteam an der Klinik für Neurologie und Experimentelle Neurologie betreut den Familienvater engmaschig weiter, jede Veränderung wird dokumentiert, die Stimulation feinjustiert.

Die exakte Positionierung der Sonden ist für die Wirksamkeit der Tiefen Hirnstimulation entscheidend. Errechnet wird sie auf Basis individueller radiologischer Bilddaten von erfahrenen Neurochirurgen wie Dr. Gerd-Helge Schneider an der Charité. © Götz Schleser

„Mein Leben hat sich seitdem unglaublich verbessert“, befindet llias Triantafyllakis mit Blick auf seine Entscheidung. „Seit der Operation kann ich wieder Sport machen, das war davor kompliziert. Die Wechsel zwischen Unbeweglichkeit und Überbeweglichkeit sind fast ganz verschwunden, ich kann einfach viel mehr machen, vor allem mit meinen Kindern und mit meiner Frau. Und ich schlafe wieder durch. Früher waren es nur vier Stunden am Stück, weil die Muskeln steif wurden.“ Außerdem ist Ilias Triantafyllakis jetzt nur noch auf einen kleinen Bruchteil der vorherigen Medikamentendosis angewiesen. Die Vielzahl der Einnahmen über den Tag verteilt und die nachlassende Wirkung des Dopaminersatzes waren für ihn zu einer anwachsenden Belastung geworden.

Die Stimulation lernt, sich anzupassen

Zurück im Untersuchungsraum, 4. Etage des Charité-Bettenhauses. llias Triantafyllakis geht langsam schlurfend auf und ab. Studienärztin Dr. Victoria Witzig prüft die Beweglichkeit: „Linker Arm?“ „Nichts, geht gar nicht.“ „Drehen?“ „Geht nicht.“ „Hand auf und zu?“ „Rechts geht. Links geht nicht.“ Die Symptome der Erkrankung sind in voller Intensität zurück. Der Tremor, also das Zittern, der Brain Fog, die Konzentrationsschwäche, die Unbeweglichkeit. Diesmal ist das beabsichtigt. Die Stimulation wurde ausgesetzt, die Medikation für 12 Stunden unter klinischer Beobachtung pausiert. Ziel ist es, die Hirnaktivität ohne therapeutische Intervention, bei ursprünglichem Krankheitsgeschehen zu erfassen und anschließend die oberen und unteren Grenzwerte der künftigen, sich an die Bedarfe angleichenden Stimulation festzulegen.

llias Triantafyllakis hofft, dass die bei dauerhafter Stimulation noch vereinzelt auftretenden Schwankungen in der Bewegungsfähigkeit ausbleiben, sobald die elektrischen Impulse genau dann an sein Gehirn gesendet werden, wenn es diese braucht. „Ich könnte mir vorstellen, dass es dynamischer wird, und dass vielleicht die verbleibenden zwanzig Prozent zur jetzigen Verbesserung dazukommen.“ Möglich wird dies, da es sich bei der adaptiven Tiefen Hirnstimulation um ein sogenanntes Closed-Loop-System handelt, eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, an deren Entwicklung Andrea Kühn und ihr Team maßgeblich beteiligt sind. „Die Elektroden erkennen rhythmische Schwankungen der Hirnaktivität in einem bestimmten Frequenzbereich und lesen sie aus. Diese Informationen nutzt das System, um in Echtzeit Impulse zu aktivieren“, erklärt die Neurologin. „Diese Technologie ist noch sehr jung und kann erst an wenigen spezialisierten Zentren umgesetzt werden. Aber wir beobachten durchaus Verbesserungen bei den Patient:innen, die wir inzwischen umstellen konnten.“

Vertrauen in die Wissenschaft: Dr. Victoria Witzig und Dr. Jonathan Kaplan begleiten Ilias Triantafyllakis seit der Operation. © Götz Schleser

Ob die adaptive Form der Tiefen Hirnstimulation der Dauerstimulation wirklich überlegen ist, werden Andrea Kühn und ihr Studienteam ab diesem Sommer in einer großen vergleichenden Untersuchung prüfen. Rund 50 Patient:innen in Berlin, Würzburg, Düsseldorf und weiteren Zentren in Deutschland werden daran teilnehmen. Eine reguläre Spezialsprechstunde für die neue, intelligente Form der Parkinsontherapie gibt es an der Charité bereits seit Anfang dieses Jahres.

Victoria Witzig bewegt einen Regler auf dem Tablet in ihrer Hand, den Blick auf ihren Patienten gerichtet: „Ich geh jetzt mal hoch. Links: 3 Milliampere…“ „Oh cool, ah…“, Ilias Triantafyllakis lacht erleichtert. „Rechts…“ Sein Stimulator ist wieder aktiv und wird künftig auf jeden Anlass individuell reagieren, mal stärkere, mal schwächere Impulse aussenden. Der Jurist tippt rhythmisch zunächst den linken, dann den rechten Zeigefinger und Daumen aufeinander, erst langsam, dann immer schneller. „Bei ihnen ist das immer wie ein Schalter. Die Symptome sind plötzlich weg.“ Studienärztin und Andrea Kühn prüfen noch einmal die Beweglichkeit der Arme, Gleichgewicht und Gangbild. „Überbeweglichkeit rechts?“ „Ein wenig. Auf 2 runtergehen?“ „Nicht so viel, eher auf der anderen Seite hoch gehen, damit es nicht asymmetrisch wird.“ Es ist ein feines Austarieren der elektrischen Impulse im Zehntel-Milliampere-Bereich, wieder und wieder, bis die Einstellung ihr Optimum erreicht hat.

Rund 200 Parkinson-Patient:innen haben an der Charité in den vergangenen sechs Jahren einen Stimulator erhalten, der prinzipiell auf eine adaptive Stimulation umgestellt werden kann. 23 von ihnen konnten Andrea Kühn und ihr Team bereits auf diesem Weg begleiten. Mehrheitlich berichten sie von zusätzlichen Verbesserungen in ihrem täglichen Leben. Ein Eindruck, den die Ergebnisse einer Charité-Studie 2025 anhand der ersten acht Patient:innen bestätigen, ebenso wie die darauf folgende internationale Zulassungsstudie, erschienen im Sommer 2025 im Fachjournal Jama Neurology. „Mich fasziniert das menschliche Gehirn schon immer, obwohl wir bis heute längst nicht alle Funktionsweisen verstehen“, sagt Andrea Kühn. „Wenn wir es schaffen, unseren Parkinson-Patient:innen mit der adaptiven Tiefen Hirnstimulation zu einem Leben mit so wenigen Einschränkungen wie möglich zu verhelfen, dann ist das ein großer Schritt. Mit der adaptiven Stimulation wird zum ersten Mal bei Parkinson Neurotechnologie so eingesetzt, dass wir mit der Therapie direkt auf Hirnrhythmen reagieren, also in einem ersten Schritt die Sprache des Gehirns auslesen und diese Information zur Anpassung der Behandlung nutzen.“

Zehn Tage später: llias Triantafyllakis wirbelt seine vierjährige Tochter im Flur der Wohnung durch die Luft, sie toben und lachen ausgelassen. „Ich fühle mich, als wäre ich fast nicht mehr krank,“ sagt er. „Die Krankheit hatte so viel Platz in meinem Leben eingenommen. Und auch in dem meiner Kinder."

Tatsächlich habe ihr Mann und die ganze Familie mit der Tiefen Hirnstimulation viel gewonnen, bestätigt seine Frau Berdice. „Sie hat uns ein gutes Leben geschenkt. Wir haben wirklich viel gewonnen.“ Dass die nun angepasste Form der Stimulation noch besser zu seinem dynamischen Lebensstil passt, kann lias Triantafyllakis schon spüren. Weitere Feinabstimmungen durch das Studienteam der Charité stehen aus. Die exakt passende Einstellung zu finden, ist knifflig. Sie erfordert ausreichend Erfahrung, aber auch Spürsinn, denn das menschliche Gehirn ist komplex und eben kein Computer. Dennoch: Hirnstimulatoren haben den Weg in die medizinische Routine angetreten. Schon bald könnten sie so normal sein, wie Herzschrittmacher es heute sind.

Weitere Informationen

Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie


Sonderforschungsbereich TRR 295 ReTune

Quelle

Charité Pressemitteilung

 

 

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