Sexuelle Gewalterfahrung in der Kindheit verändert das weibliche Gehirn dauerhaft

20.02.2026

Frühe sexuelle Traumata prägen bestimmte Gehirnregionen

Sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit können bleibende Spuren im Gehirn hinterlassen. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat nachgewiesen, dass Frauen, die vor der Pubertät sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben, im Erwachsenenalter eine deutlich dünnere Hirnrinde im sogenannten Genitalkortex aufweisen. Dieser Bereich liegt im somatosensorischen Kortex und nimmt Empfindungen der Berührung aus den Genitalien wahr.
Über die Ergebnisse berichtet das Fachmagazin Communications Biology.

„Der Genitalcortex ist ein bislang wenig erforschtes Areal des Gehirns. Inwieweit das Areal durch traumatische sexuelle Erfahrungen vor der Pubertät infolge neuroplastischer Prozesse dauerhaft strukturell verändert wird, ist bislang nicht präzise erforscht“, erklärt Studienleiterin Prof. Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Vorliegende Befunde deuten darauf hin, dass sexuelle Aktivität im Erwachsenenalter mit einer Verdickung der Hirnrinde in diesem Areal verbunden ist. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass sexuelle Traumata in sensiblen Entwicklungsphasen den gegenteiligen Effekt haben und zu einer bleibenden Ausdünnung führen – entgegen bisher bekannten Prinzipien der Neuroplastizität.“ Diese Befunde deuten laut Heim auf eine Art „Entwicklungsprogrammierung“ hin, bei der das kindliche Gehirn versucht, sich schützend neu zu organisieren.

Präzise Messungen mittels spezieller MRT-Technik

Für die Untersuchung nutzte das Forschungsteam eine spezielle Magnetresonanztomografie-Methode, um den Genitalcortex bei 128 erwachsenen Frauen (18 bis 50 Jahre alt) individuell zu lokalisieren. Verglichen wurden 64 Frauen mit dokumentierten Missbrauchserfahrungen vor der Pubertät mit 64 Frauen ohne solche Erlebnisse. „Wir konnten zeigen, dass der Genitalcortex bei Betroffenen deutlich dünner war – unabhängig von Alter, Dauer der sexuellen Gewalterfahrung oder sexueller Aktivität im Erwachsenenalter“, erläutert Erstautorin Yuliya Kovalchuk. Auffällig war: Je früher Gewalterfahrung begonnen hatte, desto stärker war die strukturelle Veränderung ausgeprägt. Andere Hirnareale, etwa für den Tastsinn der Finger, blieben unverändert.

Neue Ansätze für zukünftige Therapien

„Frühe traumatische sensorische Erfahrungen scheinen das Gehirn dauerhaft und spezifisch zu prägen und führen zu Veränderungen in genau jenen Arealen, die diese Reize verarbeiten“, fasst Prof. Heim zusammen. „Diese Veränderungen könnten erklären, warum viele Betroffene später Schwierigkeiten mit Sexualität und Körperwahrnehmung haben.“ Langfristig sollen die Erkenntnisse helfen, neue Therapieansätze zu entwickeln, die gezielt auf eine Wiederherstellung der neuronalen Strukturen abzielen – etwa durch sensorisches Lernen oder neuroplastische Trainingsverfahren.

Die Forschenden planen nun weitere Studien, um zu prüfen, ob gezielte sensorische Trainingsverfahren die beobachteten strukturellen Veränderungen im Genitalcortex teilweise rückgängig machen oder abmildern können.

 

Originalpublikation:
Kovalchuk, Y., Schienbein, S., Knop, A.J.J. et al. Decreased thickness of the individually-mapped genital cortex after childhood sexual abuse exposure in adult women. Commun Biol (2026). https://doi.org/10.1038/s42003-026-09627-6

Kontakt:
Prof. Christine Heim
Direktorin, Institut für Medizinische Psychologie
NeuroCure PI
Charité – Universitätsmedizin Berlin
E-Mail: christine.heim@charite.de


Zurück